"HOAMAT BEGEGNEN" Teil 6

"Haberfeldtreiben" in Taufkirchen?

Alte Bräuche geraten vielerorts zunehmend in Vergessenheit. Gerade im oberbayerischen Raum gab es früher häufiger so genannte "Haberfeldtreiben". Karl Hobmair berichtet in seinem "Hachinger Heimatbuch" von so einem "Treiben" in Taufkirchen. Schauen wir uns diese Geschichte doch mal näher an!

Viele alte Bräuche und das, was man ihnen zur jeweiligen Zeit zugerechnet hat, erschließen sich erst in vollem Umfang, wenn man die Zusammenhänge der entsprechenden "Geschichte" genauer betrachtet.

Ihnen wünsche ich viel Spaß beim "Betrachten"!

Mit herzlichen Grüßen

Michael Müller
Gemeindeheimatpfleger

Abbildung: Haberfeldtreiben, Zeichnung von Oskar Gräf, 1895,
entnommen: WIKIPEDIA.

Karl Hobmair, dereinst Pfarrer in Oberhaching, schrieb über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten sein "Hachinger Heimatbuch". Darin berichtet er unter anderem von einem mutmaßlichen "Haberfeldtreiben" in Taufkirchen.
Seine Darstellung beruht offenbar auf Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern.

Hobmair berichtet, dass am 11. Juni 1869 Taufkirchener Burschen, wie er es bezeichnet, "den Versuch eines Haberfeldtreibens" unternommen hätten.

Als Ausgangspunkt stellt der Berichterstatter dar, dass "Benefiziat Ranart von Taufkirchen einem Burschen wegen nächtlicher Ruhestörung eine Rüge erteilt und einen Dienstherrn aufmerksam gemacht habe, dass ein junger Knecht einem Mädchen aus der Werktagsschule nachgestellt haben solle". Die damals als Benefiziat Bezeichneten lassen sich in etwa mit dem heutigen "Kaplan" vergleichen.

Jedenfalls berichtet Karl Hobmair, dass die betroffenen Taufkirchner Burschen sich diese Einmischung in "ihre Angelegenheiten" nicht gefallen lassen wollten. Sie zogen, so geht die Geschichte weiter, nächtlicherweile vor das Benefiziatenhaus, um ihrem Unmut Luft zu machen.

Der Benefiziat habe in der Folgezeit berichtet: "Ein paar Tage später bekam ich ein kleines Haberfeldtreiben nachts um 11:00 Uhr, zwar ohne Schießen, aber mit furchtbarem Lärm und Gesang. Es waren ca. 10 Burschen. Mit Gesang war das also schon ein "gehobenes Haberfeldtreiben"."

Was verbirgt sich nun hinter einem Haberfeldtreiben?

Vom 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist dieser so genannte "Rügebrauch" im Wesentlichen im Voralpenraum zwischen Inn und Isar nachweisbar. "Beschuldigten" wurden dabei meist in Versform ihre mutmaßlichen Verfehlungen vorgehalten.
Hierzu versammelte man sich in der Regel auf Wiesen oder Hügeln in Hörweite der betroffenen Dörfer. Die Inhalte der "Treiben" waren häufig sittlicher Natur, wobei man dabei die damals verbreiteten Moralvorstellungen zugrunde legen muss. Gegenstand der Rügen waren aber auch oft soziale oder wirtschaftliche "Untaten" einzelner Personen, die öffentlich an den "Pranger" gestellt werden sollten.

Von einer zunächst harmlosen Lärmbelästigung entwickelte sich das Treiben später häufig zu einem "Schmäh-Krawall".
1893 kam es zum berüchtigten Miesbacher Haberfeldtreiben, bei dem mehr als 100 "Haberer" gefasst und zum Teil zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden.

In jüngerer Zeit führten Vereinigungen von Bauern in Oberbayern mehrfach Protestaktionen mit Elementen des Haberfeldtreibens durch.

Quellen:
- Hachinger Heimatbuch, Karl Hobmair, 1979;
- Historisches Lexikon Bayerns
- Wikipedia

Autor: Michael Müller, Gemeindeheimatpfleger, April 2020

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